Walfang auf Spitzbergen

Vom Magdalenenford im Süden bis zur Reinsdyrflya im Nordosten findet man die Überreste zahlreicher Walfangstationen. Sie sind entlang der ganzen Küstenlinie verstreut, wie Perlen auf einer Kette. Die größten und bekanntesten Walfangsationen von Spitzbergen liegen durchwegs am Nordvesthjornet, so auch die wohl bekannteste holländische Station Smeerenburg auf der Insel Amsterdamoya. Weitere große Station gab es im Magdalenenfjord, im Smeerenburgfjorden, im Kobbefjorden, in den Buchten Virgohamna und Sallyhamna sowie auf der Insel Ytre Norskoya, um nur einige Beispiele zu nennen.
In der Bucht Sallyhamna sind Überreste von Tranöfen, Gebäudefundamenten sowie Fundamente von Verarbeitungsanlagen für das gewonnene Walöl zu finden. Von der ehemaligen Station ausgehen ist noch deutlich ein Schotterweg erkennbar, der bis zum Strand Sallyhamna führt. Auch hier ist noch ein Fundament erhalten. Rund um die Tranöfen sind kaum Steine zu finden - vermutlich weil man die Steine zum Bau der Öfen verwendete oder aus dem Weg räumte, um das Gelände um die Öfen besser begehbar zu machen. In den steinfreien Arealen sind die Reste einfacher Behausungen besonders gut erkennbar. Innerhalb der Bodenstrukturen sind noch Keramikreste und Tonpfeifen zu sehen, weshalb man heute annimmt, dass es sich um die Überreste von Unterkünften handelt.
Erwähnung verdient auch die Fangsation im Kobbefjorden als ein Beispiel für die Aktivitäten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kobbefjorden liegt im Westen der Danskoya. Nordenskiöld berichtete, der Kobbefjorden sei der erste, in dem im Sommer das Eis abtauen würde, außerdem sei am Ende des Fjores eine Quelle zu finden, die nie gefriert. Über die Jahrhunderte hinweg war der Fjord unter verschiedenen Namen bekannt. Zu Beginn der Walfangzeit waren die Namen Robbe Bay, Port St. Pierre und Copenhavre Bay geläufig. Copenhavre bay kam wohl auf, nachdem Dänen um 1625 im südlichen Teil des Fjordes eine Walfangsation gegründet hatten. Im Fjord gibt es eine kleine Insel namens Postholmen. Hier wurden von Besatzungen, die aus der Heimat nach Spitzbergen zurückkehrten, Briefe für andere Walfänger hinterlassen, die in den Gewässern um Spitzbergen unterwegs waren. Heimwärts seglnde Schiff nahmen von dort Post mit in den Süden.

Ein Leben zwischen Speck, Fett und Öl

Der Gestank rund um die Walfangsationen war wohl im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend und dicker, rußiger Qualm aus den Tranöfen zog über die Landschaft. Fett und Öl aus den Blubberöfen drangen in jede Pre und imprägnierten nicht nur Kleider, sondern auch die Haut der Trankocher. Es war sicher kein Vergnügen, unter diesen Verhältnissen zu arbeiten, zu essen und zu schlafen.
Heute kann man sich nur schwer vorstellen, wie die Verhältnisse damals für die Menschen zu ertragen waren. Die Arbeiter der Walfangstationen mussten bei jedem Wetter schuften, gearbeitet wurde, bis die Arbeit erledigt war. Das alltägliche Leben fand zwischen verrottenden Walkadavern und Abfall statt, der Untergrund bestand aus Morast, da Regenwasser und Schmelzwasser im Permafrostboden nicht versickern konnte. Den Menschen waren ähnliche Verhältnisse aber auch aus den damaligen europäischen Städten vertraut. Die meisten kamen aus den Armenvierteln der Städte und trafen in den Walfangsationen somit auf bekannte Verhältnisse. Die Hofnung auf Wohlstand, Ruhm und Abenteuer lockte viele Männer nach Spitzbergen - die Bezahlung war gut, Verpflegung und Unterkunft wurden gestellt. In einer guten Walfangsaison bestand sogar die Hoffnung, am Gewinn beteiligt zu werden.
Viele der ausgegrabenen archäologischen Artefakte zeigen auch, dass die Walfänger trotz Ruß, Öl und Schmutz zu entspannen wussten und ihren Spaß hatten. Tonpfeifen waren weit verbreitet, Wein und Brandy wurden regelmäßig konsumiert und man vertrieb sich die freie Zeit mit Spielen.
Kleidung war für die Menschen wichtig und wertvoll, sie wurde an gerissenen und abgetragenen Stellen ausgebessert. Trotzdem wurden auch einige Jacken, Hosen, Hüte und Schuhe weggeworfen, die durchaus noch brauchbar waren. Vor allem in Smeerenburg wurden viele weggeworfene Kleidungsstücke gefunden, was allerdings nicht ganz verwunderlich - oft waren die Kleider so mit Öl und Fett getränkt, das sie dadurch Jahrhunderte lang bis heute konserviert wurden. Sie sind so gut erhalten und ihre Farben sind so kräftig wie an dem Tag, an dem sie weggeworfen wurden.

Gräber - stille Zeugen der Vergangenheit

Entlang der kalten Küste Spitzbergens sind mehr als 1.000 Gräber bekannt. Sie erinnern bis heute an das Schicksal der Männer, die zurück blieben, während ihre Kameraden wieder Richtung süden in wärmere Gefilde segelten. Gräber sind damit gleichzeitig auch die am weitesten auf Spitzbergen verbreiteten Zeugnisse menschlicher Aktivitäten aus vergangenen Zeiten. Die meisten stammen aus der frühen walfangzeit im 16. und 17. Jahrhundert - der Tod war damals ein regelmäßiger Besucher.
Einige der Gräber wurden archäologisch untersucht. Die Wissenschftlcer erfuhren dabei nicht nur Interessantes aus der Zeit der Walfänger, sondern auch persönliches über die beigesetzten Menschen.
Bei den Untersuchungen zeigte sich, dass jedem Verstorbenen ein ehrenvolles Begräbnis auf trockenem land zuteil wurde, ganz in der damaligen Tradition. Seebestattungen wurden vermieden, wann immer es möglich war. Die meisten Beisetzungen erfolgten an bekannten Stellen mit geeigneten Bodenverhältnisse, so entstanden im Laufe der Zeit regelrechte Friedhöfe.
Die Verstorbenen wurden in Särgen beerdigt, oft auf einer Schicht aus Sägemehl. Die Särge waren einfach, aber aus gutem Material gezimmert und meistens auch mit einer dünnen Stoffschicht ausgekleidet. Die Toten wurden vollständig bekleidet in den Sarg gelegt und oft mit einer Wolldecke zugedeckt. In einigen Särgen fand man Kopfkissen, die mit Federn oder sogar Daunen gefüllt waren, in anderen Moos, das rund um den Körper verteilt war. Es hat den Anschein, als sollten die Verstorbenen in einer ansonsten kalten und unwirtlichen Welt nicht frieren.
Die Särge wurden so tief der Permafrostboden es zulies vergraben. Steine wurden darüber gelegt, so dass ein kleiner Grabhügel entstand. Am Kopfende befand sich üblicherweise ein einfaches Holzkreuz, auf dem der Name, das Jahr und der Heimatort des Toten eingeschnitzt war.
Rund um die Walfangstationen gibt es sowhl Einzelgräber, als auch ganze Grabfelder mit teils hunderten Gräbern. Die größten Gräberfelder findet man im Nordesten von Spitzbergen, so z.B. Likneset gegenüber von Smeerenburg. Likneset besteht aus insgesamt 225 Gräbern, die mit Steinen bedeckt sind. Die kleinen Hügel sind in der Landschaft nicht zu übersehen. Es liegt auf einer ebenen Fläche mit einer aktiven Erosionskante im Smeerenburgfjorden. Man vermutet, dass es noch wesentlich mehr Gräber gab, aber durch die Erosion im Uferbereich wurden wohl viele weggespült und auch zukünftig werden immer wieder Gräber der Erosion zum Opfer fallen. In den Jahren 1985, 1986, 1989 und 1990 fanden umfangreiche Ausgrabungen statt, um erosionsgefährdete Gräber noch analysieren zu können. Der Friedhof wurde wohl vom frühen 16. Jahrhundert bis Ende des 17. Jahrhunderts genutzt. Um die historischen Artefakte zu schützen, darf das Gebiet nicht betreten werden. Die großen Gräberfelder verdanken Ihre Entstehung einem Zusammentreffen vieler Schiffe in geschützten Naturhäfen am Ende der Sasion. Bevor man nach Süden segelte, wurden alle Verstorbenen beigesetzt.

Das Ende einer Ära

"Stück für Stück wurden die Wale ausgerottet und als sie alle verschwunden waren, nahm der Winter sein land wieder ungestört in Besitz" - so schrieb Fridtjof Nansen im Jahr 1920. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde von riesigen Walbeständen rund um Spitzbergen berichtet. Kapitän Poole schrieb, die Wale seien so dicht um das Schiff, dass man sich regelrecht hindurchpflügen müsse. Ende des 18. Jahrhunderts fand der walfang bereits sein Ende. Die Population der Grönlandwale brach vollständig zusammen, Jahre intensiver Jagd führten fast zu Ausrottung der Art. Die Schiffe kehrten mit fast leer in die Heimat zurück und der Wafang in der Arktis ging zu Ende.